Wenn wir den Begriff „Zeitzeuge" hören, dann denken wir oft als erstes an Augenzeugen aus der Zeit des Nationalsozialismus oder der DDR. Dabei kamen ab den 1960er Jahren Men-schen in unser Land, die durch ihre Arbeitskraft nicht nur das sogenannte Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik Deutschland beförderten, sondern auch unser heutiges Zusammenle-ben entscheidend mitprägten. Freundlich und abwertend zugleich bezeichnete man solche Menschen als „Gastarbeiter", also Gäste, die nur zum Arbeiten da waren und bald wieder gehen sollten. Solch ein Gastarbeiter war auch Osman Karatay, der als Zeitzeuge unseren Geschichtskurs besuchte. Dass seine Enkelin Selin als Zuhörerin zugegen war, veranschau-licht, wie die einstigen Gastarbeiter ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft wurden.
„Ich bin stolz darauf, dass mein Opa seine Geschichte mit uns geteilt hat, da man sich das Ganze nochmal besser vorstellen konnte." (Selin)
Die Geschichte von Osman Karatay beginnt in seinem Dorf in Denizli, einer Stadt in der türki-schen Ägäisregion. Dort lebte er als Hirte in sehr einfachen und bescheidenen Verhältnissen und musste gleichzeitig seine Familie ernähren. Im Jahr 1961 wurde ein bilateraler Vertrag unterzeichnet, der auch sein Leben verändern sollte: Die Bundesrepublik Deutschland schloss mit der türkischen Republik ein Anwerbeabkommen ab, um den Arbeitskräftemangel in der eigenen Industrie zu beheben. Für die türkische Wirtschaft war dieses Abkommen ebenfalls von Vorteil, denn das Land litt seit Jahrzehnten unter hohen Arbeitslosenzahlen bei einer stetig wachsenden Bevölkerung. Aus diesem Grund machten sich viele Menschen aus der Türkei auf den Weg, um in einem völlig fremden Land zu arbeiten, das sie meist nur aus Erzählungen kannten. Für Osman Karatay war Deutschland ebenfalls ein unbekanntes Land, bis auf die Tatsache, dass sein Bruder bereits dorthin abgereist war. Im Jahr 1969 verschaff-te dieser ihm einen Arbeitsvertrag und so konnte er ebenfalls in die Bundesrepublik Deutsch-land einreisen. Bevor er die Reise antreten konnte, musste er sich aber einer medizinischen Untersuchung in Istanbul unterziehen. Von Istanbul aus machte er sich dann mit dem Zug auf den Weg nach Deutschland und kam nach ungefähr 48 Stunden in Duisburg-Beeck an.
„Der Zeitzeugenbesuch machte deutlich, dass damals nicht nur Arbeiter, sondern Menschen kamen." (Johannes)
Osman Karatay begann bei Thyssen Krupp in der Kokerei zu arbeiten. Sein Sohn, der als Übersetzer ebenfalls beim Zeitzeugenbesuch anwesend war, berichtete davon, wie er einst seinen Vater auf der Arbeit besuchte. Was er dort sah, erinnerte ihn an eine „Hölle", so Adnan Karatay. Trotzdem war die Arbeit für seinen Vater sehr attraktiv, weil dieser hier viel mehr verdienen konnte als in der Heimat. Osman Karatay wollte das Geld nutzen, um in seinem Heimatdorf etwas aufzubauen. Auch schickte er in regelmäßigen Abständen Geld an seine Familienangehörigen in der Türkei. In seiner ersten Zeit als sogenannter Gastarbeiter wohnte er zusammen mit anderen Gastarbeitern aus der Türkei in einer Sammelunterkunft. Der Haushalt wurde untereinander aufgeteilt, nur das Kochen übernahm immer dieselbe Person, „da er der Einzige war, der kochen konnte", so Karatay sichtlich amüsiert. Später als er seine Familie nachholte, verließ er die Sammelunterkunft und mietete seine erste eigene Wohnung in der neuen Heimat. Der erste Eindruck von Deutschland war für ihn ein „Kulturschock", doch er persönlich machte keine allzu schlechten Erfahrungen mit den Menschen hier, auch wenn er mancherlei Probleme und Konflikte wahrnahm. Diese entstanden mit der Zeit und waren anfangs noch gar nicht so stark ausgeprägt.


„Man bekam viel realistischere und persönlichere Einblicke als durch Texte, doch trotzdem erkannte man viele Parallelen." (Alessia)
Nach der Geburt seiner Kinder und Enkelkinder fiel es ihm schwer, an eine vollständige Rückkehr zu denken. In Deutschland schlug er neue und feste Wurzeln. Oft hatte er Sehn-sucht nach seiner alten Heimat und im Sommerurlaub reiste er regemäßig in die Türkei zu-rück, doch seine Kinder und Enkelkinder wuchsen hier auf und es fiel ihm und insbesondere seiner Frau schwer, an eine Rückkehr zu denken. Abschließend resümierte Osman Karatay, dass er sich eine bessere Verständigung zwischen den Menschen hier wünsche. Dass er sich selbst stets darum bemühte, merkte man vor allem daran, dass er selbst gerne in deut-scher Sprache antwortete, um seine Erzählungen besser zu vermitteln, obwohl sein Sohn als Übersetzer direkt neben ihm saß. So wurden vor allem komplexere Fragen und Antworten übersetzt, doch für Osman Karatay war es stets eine Herzensangelegenheit, den Schülerin-nen und Schülern in der ihnen verständlichen Sprache zu antworten. Aus diesem Grund möchten wir uns auf diesem Wege nochmals herzlichst für den Besuch von Osman Karatay und seinem Sohn Adnan Karatay bedanken. Es war ein sehr lehrreicher und angenehmer Zeitzeugenbesuch in unserem Kurs.
„Ich finde, dass das Zeitzeugengespräch sehr informativ und menschennah war. Da der Zeit-zeuge seine Emotionen mit uns geilt hat, gab es für mich keine Sekunde, in der ich mich ge-langweilt habe." (Jumana)

 

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